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Clans mit 360 Grad in den Blick nehmen

Politik der 1.000 Nadelstiche: 2019 durchsuchten Hundertschaften bei einer großen Razzia im Ruhrgebiet – hier in Essen – mehrere Objekte.
Clans mit 360 Grad in den Blick nehmen
Wilfried Karden ist Koordinator Prävention beim Projekt „360 Grad – Integration, Orientierung, Perspektiven“, das beim Ministerium des Inneren angebunden ist. Das Ziel: kriminelle Karrieren vor allen Dingen von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden aus polizeibekannten Clanfamilien zu beenden – oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Und miteinander statt übereinander zu reden und die weitere Integration in die Gesellschaft zu fördern.
Streife-Redaktion

So ändern sich die Aufgaben. Der erfahrene Kriminalist mit Berufsstationen wie Landeskriminalamt und Verfassungsschutz hat sich sein Berufsleben lang mit Verbrechensaufklärung befasst. Mordermittlungen, Drogen- und organisierte Kriminalität, Staatsschutz und allgemeine Kriminalität waren dabei, beim Landeskriminalamt auch schon vorbeugende Aufklärungsarbeit.

Mag sein, dass ihn gerade diese Vielfalt in seiner Laufbahn prädestiniert hat, heute dieses Kriminalitätsfeld zu leiten. „Wir arbeiten repressiv und präventiv, das ist eine bewusst gewollte Art, Kriminalität von Familienclans zu bekämpfen“, sagt Karden. „Wir wollen die Kurve kriegen!“ Deshalb haben klassische Ermittler und die Prävention in einer Dienststelle in Essen-Rüttenscheid „die Schreibtische zusammengeschoben“, berichtet Karden, „um eine 360-Grad-Perspektive zu schaffen“. Diese Aufgabe beginne in den Familien.

111 Clans weist das Lagebild für NRW aus, die Dunkelziffer mit eingerechnet wäre die Zahl wahrscheinlich weitaus höher. Viele von ihnen verbarrikadieren sich hinter imaginären Mauern, leben in einer selbst gewählten Parallelgesellschaft. Diese Strukturen aufzubrechen, das haben sich Karden und sein Team vorgenommen. „Der Minister hat das exakt auf den Punkt gebracht: Das ist ein Langstreckenlauf, ein Marathon.“

Nach einem Jahr sind die ersten Kilometer zurückgelegt. Der Motor ist das kriminalpräventive Programm „Kurve kriegen“, das in 23 Kreispolizeibehörden etabliert ist. Zwölf Standorte kommen in diesem Jahr hinzu. Gezielt wurden sieben Dienststellen für die präventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus Familienclans gestärkt. Mit ihnen sollen Integration, Orientierung und Perspektiven für Menschen aus den Familienclans gefördert und die Arbeit der Polizei soll unterstützt werden.

Im Projekt „Narrative“ wurde eine Kooperation mit der Bergischen Universität Wuppertal geschlossen. Begleitet von zwei Professoren, erarbeiten Studentinnen und Studenten des Studiengangs Mediendesign/Kommunikation Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen – sei es über die sozialen Medien oder vielleicht auf neuen Wegen. Karden erläutert: „Hier müssen wir als Polizei, als Gesellschaft auch selbst ran und überlegen: Welche Werte haben wir, wofür stehen wir ein? Die Jugendlichen aus den Familienclans folgen zum Teil noch der Fiktion, dass eine goldene Rolex – meist als Fake – und ein PS-protziges Auto sie zum Mann machen.“

Eine Denke, die zur Geschichte von Menschen gehört, die in den 1980er Jahren zumeist aus dem türkischen Kurdengebiet über den Libanon nach Deutschland gekommen sind und zum Teil alles verloren hatten: Heimat, Besitz, Familie. In deren Welt zählt das Recht der Familie, nicht das des Staates. Bis heute. Hierarchiedenken und der ausgeprägte Anspruch auf Macht und Anerkennung legen den Grundstein für hohe Kriminalität in diesen Familienclans, die in ihrer Struktur der italienischen Mafia gleichen und ein enges Geflecht von organisierter Kriminalität aufgebaut haben.

Hier greift ein Projekt mit Frauen aus Familienclans. Karden weiß: „Frauen spielen in den allermeisten Großfamilien eine einflussreiche Rolle. Mit der Erziehung ihrer Kinder können sie der Schlüssel zur Zukunft sein.“ Es gilt aber auch, über das Projekt „Glaubhafte Botschafter“ Personen aus den Familienclans zu gewinnen, die vielleicht selbst mal kriminell gewesen sind. Sie können den Kindern und Jugendlichen glaubhafte Vorbilder für bessere Wege sein. Einer der jungen Männer, zu dem Karden nach dessen sechsjähriger Gefängnisstrafe einen guten Kontakt hat, fasst zusammen: „Zuerst habe ich geglaubt, im Knast zum Mann zu werden. Nach drei Jahren wusste ich aber: Männer werden draußen, in der Freiheit, gemacht.“

Karden bleibt bei allen vielversprechenden Ansätzen Realist: „Wir müssen es schaffen, die jungen Männer möglichst früh aus der Kriminalität herauszuholen. Bei älteren Straftätern haben wir mit Prävention fast keine Chance mehr, etwas zu verändern. Bei ihnen hat sich Verhalten meist schon zu stark verfestigt und ein Aufbrechen dieser Strukturen erfordert einen hohen Ressourceneinsatz.“

Daher müssen Prävention und Repression auch Hand in Hand arbeiten. So wie in Essen-Rüttenscheid die Sicherheitskooperation Ruhr und das Projekt „360 Grad – Integration, Orientierung, Perspektiven“. „Ohne die von Minister Reul initiierte Strategie der Nulltoleranz gegenüber Straftätern und zum Beispiel der repressiven Arbeit einer BAO Clan in Essen geht es nicht“, sagt Karden.

Neben der Arbeit mit den Familienclans gibt es noch eine andere Realität mit Geschichten, die Karden betroffen machen. Nämlich die, dass seine Polizeikolleginnen und -kollegen nach einem Einsatz von Clanmitgliedern verbal angegangen werden: „Du, ich weiß, wo deine Kinder zur Schule gehen.“ Eine solche Drohung geht ins Mark. Auch diese Seite der Kriminalität aus Familienclans will das Projekt angehen. Hierzu wurden spezielle Trainings konzipiert.

Die Projekte werden von einer Beratergruppe aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, durch die Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle und die Zentrale Evaluierungsstelle des Landeskriminalamtes begleitet. Karden: „Denn wir wollen uns in unserem Handeln nicht nur auf unser Bauchgefühl verlassen.“

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