Polizeinotruf in dringenden Fällen: 110

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An der Seite der Guardia Civil

Varon, Jerome und ich
An der Seite der Guardia Civil
„Buenas, soy Varon un companero de la Guardia Civil!“
Polizei Wesel, Johannes Grunden

„Buenas, soy Varon un companero de la Guardia Civil!“, das waren die ersten Worte, die mir ein Kollege der Guardia Civil entgegenbrachte. Ich war gerade auf dem Flughafen von Alicante gelandet, um im Rahmen der „Ausländischen Kommissariate“ die Guardia Civil in Spanien zu unterstützen. Nicht, dass sie ihren Dienst nicht auch ohne mich bewältigt hätten, aber wie sich schnell herausstellte, konnte ich mit meiner Zweisprachigkeit und dem Verständnis für die polizeiliche Arbeit den Polizeibeamten vor Ort im Umgang mit den deutschsprachigen Touristen doch helfen.

Wie bin ich eigentlich dazu gekommen, mich für diesen Einsatz zu bewerben. Tja, das war wohl eher ein Zufall. „Sag´ jetzt nicht, du willst nach Spanien!“, hatte mich ein Vorgesetzter in einem Gespräch beiläufig gefragt. Ich habe mir daraufhin die Ausschreibung angeschaut und mich, nach Rücksprache mit meiner Familie, für diesen Auslandseinsatz im Rahmen der „Ausländischen Kommissariate“ beworben. Im Zeitraum von Mai bis September 2018 gab es mehrere Orte in Spanien, die Unterstützung benötigten. 

 

Die Bewerbung

Voraussetzungen für die Bewerbung waren Erfahrungen im Wachdienst, die Abnahme zum Führen des Einsatzmehrzweckstocks (EMS-A) und natürlich Kenntnisse der spanischen Sprache von mindestens B1-B2. Die dienstlichen Voraussetzungen erfüllte ich, da ich im Wachdienst meinen Dienst versehe. Einen schriftlichen Nachweis über den Stand der Spanischkenntnisse hatte ich nicht, bin jedoch Muttersprachler. Meine Mutter ist Spanierin. Ich bin auf der Insel Teneriffa geboren und verbringe dort regelmäßig einen Teil meines Urlaubs, um den spanischen Teil meiner Familie zu besuchen.

Ich habe mich dann lediglich für den Monat September beworben, da dort die Urlaubsquote unserer Wache nicht ausgeschöpft war und ich den Kollegen nicht noch zusätzliche, personelle Engpässe zumuten wollte.

Im Mai habe ich, nach einem Sprachtest am Telefon mit einem Beamten der Guardia Civil aus Berlin, die Zusage erhalten, dass ich im September im Cuartel (dt. Kaserne) Javea der Comandancia Alicante eingesetzt werde. „Kaserne“ - ein militärisch geprägter Begriff, so wie es bei der Guardia Civil teilweise auch zugeht. 

 

Die Reise

Ich habe dann mit der Reiseplanung begonnen und möchte mich an dieser Stelle nochmal für die wirklich tolle Unterstützung durch das Innenministeriums  bedanken, da sich die Organisation rund um den Transport meiner Dienstwaffe als nicht ganz unkompliziert darstellte.

Nach der Landung am Flughafen Alicante kamen mir die Abschiedsgrüße der meisten meiner Kollegen in den Kopf. „Schönen Urlaub!“, hatten sie mir gewünscht. Bei mir wollte sich diese Stimmung gar nicht erst einstellen. Ich hoffte nur, dass mein Gepäck einschließlich meiner Dienstwaffe den Weg nach Alicante gefunden hatte. 

Am Gepäckband befanden sich zwei Männer in ziviler Kleidung. Einer der beiden hielt erkennbar eine Warnweste der Guardia Civil in der Hand. Ich habe mich bei ihnen vorgestellt und gefragt, ob sie auf einen Kollegen aus Deutschland warten. So kam es dann zu der freundlichen Begrüßung durch meinen spanischen Kollegen Varon.

Nachdem ich mein komplettes Gepäck in Empfang nehmen konnte und mir die Dienstwaffe - entgegen meiner Befürchtungen sie könne ebenfalls einfach auf das Gepäckband gelegt worden sein - im Sicherheitsbereich persönlich ausgehändigt wurde, brachte mich Varon in einem Zivilfahrzeug der Guardia Civil zu meiner Unterkunft nach Benitaxell, einem kleinen Bergdorf mit ca. 4000 Einwohnern in der Nähe der Stadt Javea oder wie die dortigen „Valenzianos“ es nennen Xábia.

 

Das Einsatzgebiet

Die Stadt Javea besitzt im Sommer ca. 150 Tausend Einwohner und in den Wintermonaten ca. 40 Tausend. Im Cuartel der Guardia Civil leisteten ca. 50 Beamte ihren Dienst. Wovon ca. 15 Kollegen im Cuartel eine Wohnung besaßen. Es gab Singlewohnungen und auch Wohnungen, die von Kollegen mit ihrer Familie bewohnt wurden. Diese wurden kostenfrei zur Verfügung gestellt. 

Ein sehr befremdliches Gefühl, dass Kollegen in ihrer Freizeit durch ein dienstliches Gebäude gingen, um ihre Kinder zum Kindergarten zu bringen. Eine Atmosphäre, die so gar nicht zum eher strengen, militärischen Charakter der Guardia Civil passte.

 

Die Unterkunft

Mein Domizil in Benitaxell war inklusive Bad etwa 13 qm groß und sollte für die kommenden vier Wochen mein Zuhause sein. In der Unterkunft wurde keine Verpflegung angeboten. Ich hatte die Möglichkeit in vier verschiedenen Restaurants essen zu gehen. Zwei davon fielen etwas aus dem Rahmen, weil sie zwischen 1,5 und 2 Stunden Fußmarsch bedeutet hätten. Zudem musste dafür ein Bergkamm überwunden werden, der bereits zweimal als Bergankunft des größten Radrennens Spaniens „La Vuelta“ gedient hatte. Vermutlich wäre man bei der Rückkehr schon wieder hungrig gewesen. Die verbleibenden beiden Verpflegungsmöglichkeiten waren allerdings gut bis sehr gut, so dass man die beiden entfernteren Restaurants nicht wirklich vermisste.

Zeitgleich mit mir war ein Gendarm aus Frankreich zur Unterstützung ebenfalls dort in dem Hostel untergebracht. Jerome versieht seinen Dienst üblicherweise in Südfrankreich, hatte über seinen Dienstherren eine Fortbildung in der Fremdsprache Spanisch absolviert und war zum ersten Mal dabei seine neu gewonnenen Sprachkenntnisse so richtig auszuprobieren.

 

Fahrt zum Dienst

Morgens wurden wir von der Patrouille, so werden die Funkstreifen genannt, an der Unterkunft abgeholt und anschließend auch von der Folgeschicht dort wieder abgesetzt. Das war nötig, weil die Dienststelle acht Kilometer entfernt war und man keine Beförderungsmöglichkeit zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Egal, der „Taxiverkehr“ lief größtenteils reibungslos. Ausschließlich die Einsatzlage konnte Grund dafür sein, dass sich die Kurierfahrten verzögerten. 

 

Akzeptanz der Guardia Civil in der Bevölkerung

Auffällig war für mich, mit welchem Respekt die Menschen völlig unabhängig vom Einsatzanlass der Guardia Civil entgegentraten. Es gab nie ein lautes Wort oder wilde Diskussionen, wie sie die Kollegen hierzulande zur Genüge kennen. Aufgrund des mir sehr gut bekannten Temperaments, welches Spanier durchaus an den Tag legen können, bin ich eigentlich vor Reiseantritt davon ausgegangen, dass sich hier mehr „Leben“ in den Gesprächen befindet. Das war aber überhaupt nicht so.

Auch mir gegenüber waren die Menschen sehr aufgeschlossen und Sprüche wie in Deutschland, „Tragt ihr Kostüme?“ oder „Blauweißer Partybus“ hörte ich nicht ein einziges Mal in den vier Wochen, obwohl hier auch sehr viele junge Urlauber und Einheimische auf den Straßen waren.

Ich bin immer sehr positiv wahrgenommen und angesprochen worden, und das nicht nur von deutschen Urlaubern. Viele äußerten in Gesprächen, dass solch eine Zusammenarbeit im Bereich der Polizei sehr förderlich sein kann für das Zusammenwachsen der Völker in Europa.

 

Mein Dienstalltag

Ich war mit den Kollegen während der gesamten Schicht auf Streife oder im Einsatz. Die Polizeiwache wurde eigentlich nur in dringenden Fällen aufgesucht. Einmal in der Schicht wurde ein typisches, spanisches Restaurant der Arbeiterklasse aufgesucht. Meist, wenn es richtig gut besucht und voller Gäste war. Dort wurde dann ein Kaffee getrunken und ein Bocadillo oder eine Toastada, ein längliches Brötchen mit Aufschnitt getoastet oder ohne erhitzt worden zu sein, gegessen. Solche Restaurantbesuche kenne ich aus Deutschland nicht. Auf meine Frage hin, ob das so üblich sei, wurde mir entgegnet, dass in vollen Restaurants die Wahrnehmung von Polizeipräsenz höher sei, als wenn man seine Mahlzeit auf der Wache esse. Zudem stünde ihnen eine 30-minütige Pause zu, wenn die Einsatzlage es zuließe.

Das Einsatzgeschehen glich in vielen Teilen dem in Nordrhein-Westfalen, wobei die Kompetenzbereiche der Polizeieinrichtungen Policia Local, Guardia Civil und Guardia Civil Traffico stärker getrennt sind.

Der Großteil aller Einsätze lag im Bereich von Eigentumsdelikten. Gerade in einer touristischen Hochburg wie Javea werden Urlauber immer wieder Opfer von Diebstählen und Einbrüchen. Ich wurde immer dann hinzugezogen, wenn das Gegenüber nur der deutschen Sprache mächtig war.

Außerhalb der Einsätze wurden immer wieder Kontrollstellen im Straßenverkehr eingerichtet. Das Hauptaugenmerk wurde dabei auf mögliche Drogenkuriere und illegale Waffentransporte gelegt. Hierfür wurden bei den verdachtsunabhängigen Kontrollen die Kraftfahrzeuge und deren Insassen überprüft und durchsucht.  

Weiterhin wurde im Hafen von Javea die Löschung der Fischfänge überwacht. Auch hier liegt die Zuständigkeit der Überwachung bei der Guardia Civil. Es mussten alle industriellen Fänge über die Versteigerungshalle verkauft werden. Der Verkauf direkt an den Endabnehmer war untersagt.

Ein Einsatz und die Begegnung mit einem Kind werden mir sicherlich in besonderer Erinnerung bleiben. 

 

Die schönste Zeit des Jahres wird zur Traurigsten

In der zweiten Woche hatten wir den Einsatz „Tote Person in Wohnung“ in einem Appartementhaus. Beim Eintreffen stellte sich heraus, dass eine 68-jährige Deutsche aus NRW verstorben war. Ihr Ehemann war noch in der Wohnung und sprach kein Wort Spanisch. Der Mann war natürlich den Umständen entsprechend in starker Trauer. Einen deutschen Polizeibeamten zu sehen, noch dazu aus Nordrhein-Westfalen, beruhigte ihn sehr. Hier kam mir die Fortbildung „Überbringen von Todesbenachrichtigungen“ im Rahmen der evangelischen Polizeiseelsorge zu Gute, an der ich vor Jahren teilgenommen habe.

 

Kleiner und großer Held

Während einer Streife rannte plötzlich ein 5-järhiger Junge auf meinen Kollegen Varon zu und nahm ihn unvermittelt in den Arm. Ich dachte zunächst, dass es sich eventuell um ein Familienmitglied des Kollegen handeln könnte, bemerkte aber schnell, dass der Junge neben Spanisch auch fließend Deutsch sprach. Es stellte sich dann im Gespräch mit den deutschen Eltern heraus, dass der jetzt 5-jährige Nelio im Alter von drei Jahren mit seinem Laufrad in den Pool gefahren war. Er wurde von den Eltern sofort herausgezogen und beatmet. Bis zum Eintreffen der Guardia Civil, in Person u.a. von Varon, hatte der Junge keine Vitalfunktionen mehr. Nach der Reanimation durch die Kollegen und der anschließenden Behandlung des Kindes im Krankenhaus bestanden wieder Überlebenschancen. Nach zwei Wochen im Koma standen die Chancen nicht so gut, dass der Junge die Geschehnisse schadlos überstehen könnte. Der Vater Bastian sprach dann von einem Wunder, dass die Ärzte nicht hätten erklären können. Der Junge habe innerhalb von drei Tagen wieder Sprechen und Laufen gelernt, obwohl die Ärzte auf Grund der MRT Bilder des Gehirns von starken Schäden ausgegangen sind. Der Junge kenne seine Retter alle persönlich und freue sich immer riesig, wenn er diese zufällig mal treffe, so der Vater.

 

Fazit

Der Auslandseinsatz hat mir persönlich Einblicke in die Dienstverrichtung der Guardia Civil verschafft, die ich ohne den Aufenthalt nie hätte bekommen können. Die Guardias vor Ort machten regen Gebrauch davon, dass zwei Polizeibeamte aus dem Ausland greifbar waren, die den Umgang mit den Touristen erheblich erleichterten. Ich denke, dass die spanischen Kollegen und die Touristen gleichermaßen von den „Ausländischen Kommissariaten“ profitieren und die Dauer von vier Wochen ausreichend ist, um eine adäquate Unterstützung zu sein. Ich kann nur allen interessierten Kollegen raten, die die Voraussetzungen erfüllen, sich für diesen Einsatz zu bewerben und die Erfahrung zu machen.

Haupteingang des Cuartels
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Haupteingang des Cuartels

Polizei Wesel / Johannes Grunden
Nelio der kleine Held
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Nelio der kleine Held

Polizei Wesel / Johannes Grunden
Varon, Jerome und ich
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Varon, Jerome und ich

Polizei Wesel / Johannes Grunden
Fußstreife im Bereich der Promenade
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Fußstreife im Bereich der Promenade

Polizei Wesel / Johannes Grunden
Sicherstellung eines Flüchtlingsbootes
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Sicherstellung eines Flüchtlingsbootes

Polizei Wesel / Johannes Grunden
Fahrzeugkontrollen
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Fahrzeugkontrollen

Polizei Wesel / Johannes Grunden
Fahrzeugkontrollen
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Fahrzeugkontrollen

Polizei Wesel / Johannes Grunden
Eingangs- und Pfortenbereich der Wache
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Eingangs- und Pfortenbereich der Wache

Polizei Wesel / Johannes Grunden
Anzeigenaufnahme auf der Wache
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Anzeigenaufnahme auf der Wache

Anzeigenaufnahme auf der WachePolizei Wesel / Johannes Grunden
Kurierfahrt zu dritt im Font
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Kurierfahrt zu dritt im Font

Polizei Wesel / Johannes Grunden
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